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Universität Münster kippt Anwesenheitspflicht

Die Uni Münster hat per Senatsbeschluss die Anwesenheitspflicht in fast allen Veranstaltungen aufgehoben. Aber lest selbst.

http://www.westfaelische-nachrichten.de/lokales/muenster/hochschule/1265467_Universitaet_Muenster_kippt_Anwesenheitspflicht.html

Die Opferbereitschaft eines Professors

Studentin: Ich bedanke mich herzlich für Ihre Bereitschaft, über Ihren Beruf zu berichten.

Prof. Dr. N.N. [energisch]: Bitte sehr! Wir haben 25 Minuten für das Interview vereinbart, nicht wahr?

Studentin: Ja, ich pass' auf die Zeit auf. Können Sie bitte über Ihren derzeitigen beruflichen Alltag berichten?

Prof. Dr. N.N.: Ich arbeite an einem Forschungsprojekt über scheiternde Anfänge in der Kultur.

Studentin: Ich nehme an, dass Sie dabei den Bologna-Prozess besonders berücksichtigen.

Prof. Dr. N.N., auf die Uhr schauend: Wie kommen Sie denn darauf?

Studentin [verunsichert]: Ich dachte, der Bologna-Prozess kann vielleicht als einen nicht gescheiterten aber möglicherweise zum Scheitern neigenden Anfang angesehen...

Prof. Dr. N.N. [unterbrechend]: Bleiben wir bitte beim Thema. Wegen der Unterfinanzierung meiner Universität ist meine Zeit begrenzt. Also zu unserem Thema: Bei Anfängen sind Grenzgänger und der Umschlag der Negativität von großer Wichtigkeit.

Studentin: Sie verweisen damit auf zwei Ihrer bekannten Werke.

Prof. Dr. N.N.: In der Tat, diese viel beachtete Arbeiten haben eine völlig neue Perspektive auf das Scheitern eingeführt.

Studentin: Ich schlage vor, an dieser Stelle des Interviews eine Kurzfassung der beiden Werke zu geben.

Prof. Dr. N.N.: Sehr gute Idee. Die Schilderung meiner Forschung darf aber nicht zu kurz sein. Am besten erhalten Sie von meiner Mitarbeiterin, Frau Immertreu, die passenden Schilderung, die sie dann unverändert für das Interview übernehmen können.

Studentin [entgegenkommend]: Selbstverständlich! Vielen Dank! Können wir vielleicht jetzt Ihr Amt als Vize-Präsident für das Ressort "Studium" besprechen? Dieses Amt stellt für Sie bestimmt eine große Belastung dar.

Prof. Dr. N.N. [selbstzufrieden]: Professoren müssen viele Opfer bringen. Wegen meiner überragenden Forschung wurde ich zur Forschungsprofessor und Vize-Präsident ernannt.

Studentin: Meinen Sie beide Ernennungen haben miteinander zu tun? Wurde Ihnen denn das Amt eines Vize-Präsidenten für das Ressort Studium nicht wegen Beiträge zur Umsetzung des Bologna-Prozesses vergeben?

Prof. Dr. N.N. [genervt und auf die Uhr schauend]: Die Umsetzung des Bologna-Prozesses ist an meiner Fakultät eine Angelegenheit der wissenschaftlichen Mitarbeiter, nicht der Professoren! Sollte ein Professor dafür benötigt werden, dann wird man wohl nicht einen führenden Wissenschaftler wie mich damit belästigen! Es gibt genügend weitere Professoren, die wissenschaftlich weniger können als ich!

Studentin: Wie sehen Sie Ihre Rolle im Dialog der Universitätsleitung mit den Audimax-Besetzern, die seit nun eineinhalb Monat gegen die Studienbedingungen protestieren? Was teilen Sie den nicht-protestierenden Studierenden mit, deren Vorlesungen seit nun mehr als ein Monat ausfallen?

Prof. Dr. N.N.: Ich verstehe nicht, wieso Sie diese Fragen an mich richten: Ich bin als Vize-Präsident für das Studium zuständig. Die Audimax-Besetzer studieren derzeit nicht: Also bin ich für sie nicht zuständig. Was die nicht-protestierenden Studierenden angeht, entweder können sie studieren - in dem Fall gibt es ihnen nicht zu sagen -, oder sie werden ans Studieren durch die Audimax-Besetzung gehindert und studieren folglich nicht - in dem Fall bin ich für sie genauso wenig zuständig wie für die Audimax-Besetzer.

Studentin [sehr erstaunt]: Und wie steht es denn mit der Ethik?

Prof. Dr. N.N.: Wegen der Unterfinanzierung unserer Universität ist das Lehrangebot zur Ethik in der Wissenschaft und Ethik in der Lehre leider sehr begrenzt.

Studentin: Ich habe aber gemeint... Kennen Sie das Zitat, "Something is rotten ..."

Prof. Dr. N.N. [ergänzend]: "...in the state of Denmark." Ja, natürlich. Was hat es aber mit unserem Thema zu tun?

Studentin [verunsichert]: Hm... Ich dachte... Entschuldigen Sie mich bitte. Können Sie uns bitte etwas über die Lehrveranstaltungen sagen, die Sie anbieten?

Prof. Dr. N.N. [sehr genervt auf die Uhr schauend]: Als Forschungsprofessor biete ich keine Lehrveranstaltung an.

Studentin: Im Vorlesungsverzeichnis steht aber Ihr Name bei einem Hauptseminar und bei einem Oberseminar.

Prof. Dr. N.N. [immer ungeduldiger]: Nur der Form halber. Mitarbeiter halten diese Lehrveranstaltungen. Wegen der Unterfinanzierung unserer Universität muss ich mich auf das Wesentliche konzentrieren.

Studentin [selbstbewusst]: Ich dachte, "Professor" bedeutet unter anderem "Lehrer"? Wo bleibt sonst das Humboltsche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre?

Prof. Dr. N.N. [aufgeregt]: Ich fürchte, Ihnen muss man noch viel beibringen, bevor Sie überhaupt ein Interview durchführen können! Ab einem gewissen Niveau, ist das Lehren nicht mehr nötig. Man nennt Forschungsprofessoren auch "Wissenschaftsleuchttürme": Aus einer gewissen Distanz strahlt ihr Wissen auf die Studierenden. Direkt neben einem Leuchtturm steht man aber im Dunkeln. Herausragende Professoren müssen also Distanz zu den Studierenden halten.

Studentin [einen Aha-Effekt erlebend]: So erklärt sich also, dass manche Professoren für Studierenden kaum zu treffen sind! So erklärt sich auch, warum jemand, der weder zur Umsetzung der Bologna-Beschlüsse beiträgt noch lehrt, Vize-Präsident für das Ressort "Studium" ist!

Prof. Dr. N.N. [beruhigt und zufrieden]: So ist es.

Studentin [von der neuen Erkenntnis begeistert]: Nun verstehe ich! Wissen Sie, bevor ich Journalismus studiert habe, habe ich bei Ihnen studiert. Zur Besprechung meiner Magister-Arbeit kam es aber nie zu einem dritten Treffen mit Ihnen. Ich habe deswegen mein Studienfach gewechselt.

Prof. Dr. N.N. [väterlich]: Ich kann mich an Sie nicht erinnern. Mehr als zwei Betreuungstermine gebe ich Magistranden nie. Wir haben ja 18.000 Studierende in der Fakultät. Das ist übrigens gut: So lassen sich jedes Jahr ein paar finden, die für eine Promotion tauglich sind. Nun ist die Zeit für das Interview um. Vermutlich wird's mit Ihnen im Journalismus-Studium auch nichts werden. Denken Sie an einen weiteren Fachwechsel.

Studentin: Herr Vize-Präsident Prof. Dr. N.N., ich bedanke mich herzlich bei Ihnen für Ihre Zeit und für Ihre wertvollen Ratschlägen. Auf Wiedersehen!

Prof. Dr. N.N. [in Unterlagen blätternd]: Bitte sehr. Gerne geschehen. Vergessen Sie bitte nicht, die Schilderung meiner Forschung in das Interview einzubauen! Auf Wiedersehen!

Hinweis (nach Heinrich Böll): "Personen und Aussagen dieses Interviews sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser universitärer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken an der Ludwig-Maximilians-Universität München ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."

Die Autorin ist Wissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von einer Veröffentlichung ihres Namen wurde ihr ihrer Karreire wegen abgeraten: Kritik und Ironie können bekanntlich nicht alle Vize-Präsidenten ertragen.

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